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„Ein witziges, provokantes urbanes Märchen – „

„Ein witziges, provokantes urbanes Märchen – „

schreibt die New York Times über den neuen Roman der schottischen Autorin Ali Smith, „Es hätte mir genauso“. Eine Dinnerparty, ein freundlicher ungebetener Gast, Geplauder von gepflegt bis hohl, schließlich verschwindet der Gast im Gästezimmer und kommt nicht wieder heraus. Was dann folgt, ist ein Alptraum für die recht konventionellen Gastgeber, ein Happening für die Umgebung, die den Eingeschlossenen bald wie einen Guru verehrt, eine amüsante und entlarvende Gesellschaftssatire für uns LeserInnen. Am Ende verschwindet der Unbekannte, und nichts ist, wie es war.

Das liegt daran, wie Ali Smith diese Geschichte erzählt, und wie sie mit Sprache spielt, Klischees und Erwartungshaltungen enttäuscht, wie sie mit verschiedenen Perspektiven jongliert. Da gibt es zum Beispiel Anna, deren Name im Adressbuch des Gastes steht. Anna soll helfen, den gast loszuwerden, aber sie erinnert sich gar nicht mehr an den Mann, der ihr vor 30 Jahren über den Weg lief. Mark, den alle für seinen schwulen Freund halten, weiß auch nichts über ihn, eine alte kranke Frau hat dagegen eine ganz besondere Beziehung zu ihm. Und dann ist da noch Brooke, ein neunjähriges Mädchen, das neunmalklug an vielen verschlossenen Türen rüttelt.

„Die in Cambridge lebende ehemalige Literaturdozentin Ali Smith entwirft ein absurdes Gesellschaftspanorama, in dem das altkluge Mädchen über seine Hautfarbe nachdenkt, Homophobie freundlich zum Kaffee gereicht wird und – ein Höhepunkt der Geschichte – die Befreiung der alten Frau aus dem Krankenhaus nicht ohne Darmentleerung an ungeeigneter Stelle stattfindet. Erst am Ende des Romans kann man die erzählerischen Fäden zusammenknüpfen, die Ali Smith höchst virtuos und klug ausgelegt hat. “ (Manuela Reichhart, kulturradio rbb)

Ali Smith ist auch Autorin von „Girl Meets Boy“ und „Die Zufällige“.

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Frauenbewegung in Luxemburg

Frauenbewegung in Luxemburg

Ein Gespenst geht um in Europa, die unvollendete Frauenbewegung

– in verschmitzter Abwandlung eines klassischen Marx-Zitats haben die Autorinnen Sonja Kmec, Nadine Geisler, Renée Wagner, Colette Kutten und Claudia Lenz, in Zusammenarbeit mit dem Luxemburger Frauendokumentations-zentrum Cid femmes (Centre d’information et de documentation des femmes Thers Bodé), »Das Gespenst des Feminismus« vorgelegt, eine vielschichtige Darstellung der Luxemburger Frauenbewegung.

Das Forschungsfeld der (regionalen) Frauenbewegungsgeschichte scheint in letzter Zeit wieder im Aufwind: so erschienen kürzlich sowohl eine Studie zur Münchner Frauenbewegung der 70er Jahre von  Elisabeth Zellmer: „Töchter der Revolte?“ (München 2011) als auch von Rita Bake und Kirsten Heinsohn ein gut dokumentierter Überblick über 150 Jahre Hamburger Frauenbewegung: „Man meint aber unter Menschenrechten nichts anderes als Männerrechte“ (Hamburg 2012).

Das Großherzogtum Luxemburg mit seinen eher traditionellen Familienstrukturen, kulturell gleichermaßen geprägt von seinen französischen wie auch deutschen Nachbarn als auch einer frühen Einwanderungs- und EU-Geschichte, ist hier nicht ganz eindeutig zu verorten. Das macht die Lektüre des Sammelwerks besonders spannend. Auf den ersten Blick zeigt der Luxemburger Feminismus viele Gemeinsamkeiten mit vergleichbaren Entwicklungen in den Nachbarländern Deutschland und Frankreich. Das französische MLF (Mouvement de libération des femmes) war Inspiration und Namensgeberin der Anfänge in den Siebzigern, die mobilisierenden Themen Eherecht und Abtreibung, Sexualität und Gewalt, die Auseinandersetzungen und Fraktionierungen zwischen Frauen unterschiedlicher linker Strömungen und der Schwesternstreit zwischen Lesben und Heteras (die vor allem von Renée Wagner, Nadine Geisler und Sonja Kmec beleuchtet werden), kommen einer deutschen Feministin sehr bekannt vor. Auch die Geschichte der Institutionalisierung der Bewegung, die u.a. in Anti-Gewalt-Einrichtungen und einem Dokumentationszentrum für Frauen mündete (von Colette Kutten etwas detailverliebt nacherzählt), hat es vergleichbar in vielen deutschen Städten gegeben.

Aber es zeigen sich auch Unterschiede, vor allem im Wandel von der – Luxemburg-spezifisch gemäßigten Revolte – zum eher reformatorischen „Staatsfeminismus“, ein Wandel, der nicht von allen MLF-Aktivistinnen mitgetragen wurde. So zogen sich die lesbischen Feministinnen komplett zurück, ebenso eine Gruppe „ausländischer“ Frauen. Andere Akvistinnen wurden zu „Konsumentinnen“ des Feminismus. Dafür engagierten sich ungewöhnlich viele Lehrerinnen beim Aufbau des Frauendokumentationszentrums Anfang der Neunziger. Diese Gründerinnengeneration ist dem Cid-femmes zum Teil bis heute eng verbunden und prägt(e) eine pädagogische Grundorientierung des Zentrums, das sich stärker als vergleichbare Einrichtungen an Schulen und als Zielgruppe an Kinder und junge Frauen richtet.

Die Autorinnen, selbst zum Teil Zeitzeuginnen / Aktivistinnen,  präsentieren anschauliches Archiv- und Fotomaterial  aus dem MLF-Archiv der Jahre 1971-1992 und beziehen sich in ihren Darstellungen zudem auf die verschriftlichten Aussagen ehemaliger Aktivistinnen, die mittels dreier Erzählcafés mit jeweils 20 – 30 Teilnehmerinnen erhoben wurden. Auch eine künstlerische Ebene durchzieht das Buch. Hier sind zum einen die Collagen der MLF-Aktivistin Berthe Lutgen zu nennen, die die Gesamterzählung des Buches künstlerisch anspruchsvoll unterlegen.

Berührender Mittelpunkt des Buches sind sicherlich die ausdrucksstarken Foto-Porträts von 14 ehemaligen MLF- Aktivistinnen (Fotografin: Véronique Kolber). Etwas angehängt wirkt der abschließende Artikel der Politikwissenschaftlerin Claudia Lenz, die internationale feministische Entwicklungen, vom affidamento zur queer theory, beleuchtet. In ihrer Bezugnahme auf die Bedeutung von genderorientierter Geschichtsschreibung schließt sich der Kreis zur Luxemburger Frauengeschichte aber wieder. Eine Chronologie und ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis runden den Band ab.

Sowohl regional als auch inter/national, teils kritisch-analytisch, teils erfahrungs- und erinnerungsorientiert, spiegeln alle Beiträge die Vielfalt einer unabgeschlossenen feministischen Bewegung an einem spezifischen Ort  und zu einer bestimmten Zeit (ca. 1970 – 2010) wider. Die wissenschaftliche Perspektive der Historikerin oder Politikwissenschaftlerin, die Erinnerung der Aktivistin, die Genauigkeit der Archivarin, die künstlerische Selbstreflektion mischen sich auf anregende und sich gegenseitig herausfordernde Art. Ein bewusst vielstimmiges Werk ist so entstanden, das die Gleichzeitigkeit von Historizität und Utopie eines unvollendeten Feminismus inszeniert, das Spannungsfeld zwischen Erinnerung und Geschichtsschreibung offen legt und zum Weiterdenken bezüglich zeitgenössischer feministischer Praktiken anregt.

Sonja Kmec (Hg.) in Zusammenarbeit mit dem Cid-femmes:

Das Gespenst des Feminismus.

Frauenbewegung in Luxemburg gestern – heute – morgen

Marburg, Jonas Verlag 2012,

168 S., 25 €.

(Rezension von Annette Keinhorst, zuerst erschienen in ARIADNE 63, Mai 2013, S. 78/79)

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Dreivariantencouch

Dreivariantencouch

Von Julie Blum, Elke Heinicke ||

Kerstin sitzt im Zug, sie reist zu ihrer Freundin Astrid. Eine ist aus Ost-, die andere aus Westdeutschland. Noch führen sie eine Fernbeziehung. Die Landschaft fliegt vorbei. Oft ist sie diese Strecke gefahren. Doch diesmal ist alles anders. In Oldenburg wartet nicht nur Astrid, sondern auch eine dritte Frau. Sex zu dritt. Kann das gehen? Wird sie nicht doch eifersüchtig werden? Eine Liebesgeschichte zwischen Leipzig, Heidelberg und Oldenburg, mit Abstechern nach Weißenfels. Zeitreisen führen von der Kindheit in die Gegenwart, Zweisamkeit und Poly-amory gehen ineinander über. Und auch ein Roman über die jüngste Zeitgeschichte.

Broschiert, 288 S.
ISBN 978-3-88769-764-8
9,90 € (D)

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Schön! Stark! Frei!

Schön! Stark! Frei!

Wie Lesben in der Presse (nicht) dargestellt werden.

Von Elke Amberg ||

Frauen, die lesbisch leben, sind im Alltag zunehmend präsent. Auch in der Popkultur, Filmen und Vorabend-Serien bedienen kuschelnde lesbische Pärchen das Bedürfnis nach Abwechslung. Doch die Presseberichterstattung blendet Lesben nach wie vor aus.

Sulzbach [Ulrike Helmer Verlag] 2011
248 Seiten
20,- €

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The Kids are all right

The Kids are all right

Von Lisa Cholodenko ||

Nic (Annette Bening) und Jules (Julianne Moore) leben den sonnigen Traum des klassischen Familienglücks im Süden Kaliforniens mit Häuschen und ihren zwei Kindern, Joni (Mia Wasikowska) und Laser (Josh Hutcherson). Als die beiden Teenager jedoch heimlich ihren biologischen Vater Paul (Mark Ruffalo), einen überaus charmanten und coolen Junggesellen, ausfindig machen, gerät das traute Heim ins Wanken.

»The Kids are all Right« kombiniert auf einzigartige Weise komödiantische Überraschungen mit packenden emotionalen Wahrheiten und zeichnet mit den Oscar-Preisträgerinnen Annette Bening und Julianne Moore ein witziges und tiefgehendes Porträt einer modernen Familie.

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Geschichte einer Liebe

Geschichte einer Liebe

Von Angela Steidele ||

Adele Schopenhauer und die Rheingräfin Sibylle Mertens-Schaaffhausen verband eine leidenschaftliche Liebe – zu einer Zeit, als es Liebe zwischen Frauen offiziell gar nicht geben durfte. »Unrecht, Wahnwitz, Tollheit« nannte ihre Umgebung ihre leidenschaftliche Liebe. Doch gegen alle Widerstände blieben sie ein Leben lang zusammen: die »Rheingräfin« Sibylle Mertens und die Schriftstellerin Adele Schopenhauer. An Hand unveröffentlichter Quellen erzählt Angela Steidele die unerhörte Geschichte der beiden Frauen inmitten der Goethe-Zeit.

Das Buch war für den Sachbuchpreis 2010 von NDR Kultur nominiert (Shortlist) und wurde von www.gaybooks.de (»Unsere Besten 2010«) und von www.immer-schoen-sachlich.de (»Bestes erzählendes historisches Sachbuch 2010«) ausgezeichnet.

»Angela Steidele hat dieser Liebe ein doppeltes Denkmal gesetzt: staunenswert in seiner Mitteilung, hinreißend in der Erzählung. « (Spiegel )

»Angela Steidele enthüllt vor dem staunenden Leser eine Welt, von deren Vielgestaltigkeit er nichts geahnt hat. « (Süddeutsche Zeitung)

Suhrkamp / Insel Verlag 2010
Gebunden, 336 Seiten, ISBN: 978-3-458-17454-7
D: 24,80 €
A: 25,50 € / CH: 35,50 sFr

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Die Rechte der Anderen

Die Rechte der Anderen

Von Seyla Benhabib ||

Nationalstaatliche Grenzen definieren die einen als Mitglieder, die anderen als Fremde. Wenn aber die staatliche Souveränität zunehmend ausfranst und die nationale Staatsbürgerschaft immer mehr ausfasert, wie es im Gefolge der Globalisierung geschieht, dann werden auch ihre Definitionen immer unklarer. Hier sieht Seyla Benhabib eine der dringlichsten und problematischsten Aufgaben der heutigen Weltpolitik. In »Die Rechte der Anderen« untersucht Benhabib die Prinzipien und Praktiken zur Einbindung von Fremden und Immigranten in die bestehende politische Praxis. Sie greift dabei auf aktuelle Beispielfälle zurück, unter anderem auf den »Kopftuchstreit« in Frankreich und Deutschland. Benhabib plädiert – im Sinne Kants – für einen moralischen Universalismus und kosmopolitischen Föderalismus. Sie tritt ein für durchlässige Grenzen – nicht für absolut offene –, wobei sie sich nicht nur für das Recht von Flüchtlingen und Asylsuchenden auf Aufnahme stark macht, sondern auch für das regulative Recht der Demokratien.

Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2008.
225 Seiten. ISBN 978-3-518-41998-4.
D: 24,80 EUR,
A: 25,50 EUR, CH: 42,50 sFr.

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Einspruch!

Einspruch!

Reden von Frauen ||

»Und nun – verurteilen Sie mich!« sprach Rosa Luxemburg, angeklagt wegen »Volksverhetzung“, weil sie sich gegen die allgemeine Kriegseuphorie 1914 gewandt hatte. »Genossen, eure Veranstaltungen sind unerträglich!« schleuderte Helke Sander anno 68 dem ganzen männlich bornierten SDS entgegen, und Waltraud Schoppe sah sich einem tobenden Bundestag gegenüber, als sie es wagte, von Vergewaltigung in der Ehe zu sprechen. Der Band versammelt die berühmtesten Reden von Frauen aus der deutschen Geschichte und beweist, dass die traditionell immer männlich konnotierte Redekunst längst dabei ist, von Frauen erobert zu werden. – Mit einem Geleitwort von Renate Künast.

Hrsg.: Wagner-Egelhaaf, Martina; Tonger-Erk, Lily
Reclam Verlag; 232 S.
ISBN: 978-3-15-020218-0
EUR (D): 11,95
EUR (A) 12,30 / CHF 17,90

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Blumenberg

Blumenberg

Von Sybille Lewitscharoff ||

Groß, gelb, gelassen: mit berückender Selbstverständlichkeit liegt eines Nachts ein Löwe im Arbeitszimmer des angesehenen Philosophen Blumenberg. Ein raffinierter Studentenulk? Oder nicht doch viel eher eine Auszeichnung von höchster Stelle – für den letzten Philosophen, der diesen Löwen zu würdigen versteht?

Das Auftauchen des Tieres wirkt in mehrerlei Leben hinein, nicht nur in das Leben Blumenbergs. Ohne es zu merken, gerät auch eine Handvoll Studenten in seinen Bann, unter ihnen der fadendünne Gerhard Optatus Baur, ein glühender Blumenbergianer, und die zarte, hochfahrende Isa, die sich mit vollen Segeln in den Falschen verliebt. »Blumenberg« ist nur nebenbei eine Hommage an einen großen Philosophen, vor allem ist es ein Roman voll mitreißendem Sprachwitz, ein Roman über einen hochsympathischen Weltbenenner, dem das Unbenennbare in Gestalt eines umgänglichen Löwen begegnet.

Suhrkamp Verlag 2011
Gebunden, 220 Seiten, ISBN: 978-3-518-42244-1

D: 21,90 €
A: 22,60 € / CH: 31,50 sFr

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Muttergefühle

Muttergefühle

Von Rike Drust ||

Rike Drust hat eine ehrliches Buch gesucht, was es bedeutet, Mutter zu sein – vergeblich. Deshalb hat sie selbst zum Stift gegriffen und ihre Erfahrungen aufgeschrieben. Um Frauen Mut zu machen, genau die Mutter zu sein, die sie sein wollen und können. Ohne auf die Belehrungen und ach so klugen Ratschläge zu hören, die man allerorts bekommt, wenn man mit rundem Bauch oder Kinderwagen auftaucht.

Die »Gesamtausgabe« ihrer Muttergefühle beschreibt den Druck glücklich sein zu müssen, genauso wie die ständigen Schuldgefühle wegen allem (und nichts), die Wut, weil der Partner weiterhin seinem Beruf nachgehen kann, oder das Überglück, wenn das Kind zurückliebt.

»Dieses Buch ist ein Tag der offenen Tür in meinem Leben. Und jede Mutter ist eingeladen, sich wie zu Hause zu fühlen.«

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